9/03/2016


Um drei Uhr morgens klingelte mein Wecker. Ich quälte mich aus dem Bett, machte mich fertig und packte den Rest meiner Sachen zusammen. Um kurz vor fünf stieg ich ins Auto meines Vaters, der mich zum Bremer Flughafen fuhr. Meine Mutter saß auf dem Beifahrersitz und ging im Kopf die Liste mit den Sachen durch, die ich vergessen haben könnte. Sie kennt mich einfach zu gut. Am Gate angekommen, war es dann Zeit für die Verabschiedung und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass nicht die ein oder andere Träne geflossen ist.

Dinge wie die Gepäckkontrolle oder Boarding habe ich schon tausend Mal gemacht, aber dieses Mal fühlte es sich irgendwie anders an. Dies war der Beginn des bisher größten Abenteuers meines Lebens. Ich war auf dem Weg nach London, wo ich die nächsten drei Monate leben werde, um ein Praktikum zu absolvieren und natürlich mein Englisch zu verbessern.
Drei Monate klingt nicht lang und es gibt natürlich viele Dinge, die einem Abenteuer näherkommen, als ein Praktikum, aber ich war noch nie so lange von Zuhause weg und deswegen ist es eins für mich. Ich habe mich dazu entschieden, weil ich London einfach liebe und so ein Arbeitsalltag in einer fremden Sprache eine Herausforderung und Erfahrung ist, auf die ich sehr gespannt bin. 
Über meine Gastfamilie, in der ich wohnen werde, habe ich noch kaum Informationen, weswegen ich nur hoffen kann, dass es mich nicht allzu schlimm trifft. Die Erfahrungen, die ich bisher mit britischen Gastfamilien gemacht habe, sind zumindest nicht die Besten.

Zum Boarding wurde man in Bremen über den halben Flugplatz geleitet. Mit meiner noch nicht verheilten Fußverletzung und den vielen Taschen kam mir das sehr ungelegen und während ich so in Richtung Flugzeug humpelte, wurde ich von den anderen Passagieren überholt. Ich fragte mich schon, ob die Fluggesellschaft mich vergessen und ohne mich fliegen würde, als ein junger Mann neben mich trat und sich meinem Tempo anpasste, um neben mir zu laufen. Er lächelte mich an und fragte, ob er mir meine Tasche abnehmen dürfe. Von so viel Freundlichkeit am frühen Morgen, war ich glatt sprachlos und wollte gerade höflich verneinen, als er mir die Tasche schon aus der Hand genommen hatte. Ich lächelte zurück und bedankte mich. Er schlenderte gemütlich neben mir her, während ich mich um meine Höchsthumpelgeschwindigkeit bemühte, um ihn nicht noch mehr aufzuhalten. Wir waren sofort auf einer Wellenlänge und unterhielten uns wirklich gut. Er erzählte mir, dass er in London einen Freund besucht, den er in Australien beim Work&Travel kennengelernt hat. Ich schätzte ihn so auf Anfang zwanzig und bewunderte seine offene Art. Am Flugzeug angekommen trennten unsere Wege sich dann leider schon wieder, da er im hinteren und ich im vorderen Teil saß, und ich war ehrlich traurig darüber.
Natürlich war es ihm nicht bewusst, aber mit dieser Begegnung rettete er meinen ganzen Morgen. Meine Laune war von den vielen Abschieden getrübt und ich hatte ehrlich Bedenken, ob ich in London Anschluss zu Gleichaltrigen finden würde. Seine Aufgeschlossenheit erinnerte mich daran, dass auch ich ein sehr offener Mensch bin und noch nie ein Problem damit hatte, Freunde zu finden. 
Also: Vielen Dank!

Nach der Landung begann der anstrengendste Teil meines Weges. Ich musste mit zwei Koffern quer durch London zu meiner Gastfamilie finden. Gott sei Dank sind die Briten ja sehr freundlich und so bekam ich ständig Hilfe. Anders hätte ich auch nicht gewusst, wie ich die ganzen Treppen in den Bahnstationen hätte überwinden sollen. Zu meinem Glück war gerade die Station, bei der ich in die Overground Bahn umsteigen musste, wegen Reparaturarbeiten gesperrt und ich verlor eine Stunde bei dem Versuch diese Linie auf anderem Wege zu erreichen. Als ich dann endlich in meine Zielstraße einbog, hellte sich meine Miene schlagartig auf. Die Straße entlang zogen sich viele kleine Häuser, die alle einen gepflegten Eindruck machten. Ich klingelte bei der Hausnummer 58 und ein junges Mädchen begrüßte mich auf Deutsch. Ich schaute sie verdutzt an. Sie stellte sich vor und erzählte mir, dass sie die letzten drei Wochen bei der Gastmutter verbracht habe und heute abreise.
Eine Stunde später lernte ich diese dann auch persönlich kennen und war positiv überrascht. Eine sehr lebe ältere Dame mit Wurzeln in Jamaica. Wir verstanden uns auf Anhieb und auch in meinem neuen Zimmer fühlte ich mich gleich wohl. Am nächsten Tag sollte noch eine zweite Deutsche anreisen, die drei Wochen im Nachbarzimmer wohnen würde. Ich freute mich darüber, weil ich so ja gleich jemanden kennenlernen würde.




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